Sprüche, die tragen, und solche die schaden
Redaktion tiefgeist · 2026-08-21
Der Rat, sich selbst etwas Gutes zu sagen, gilt als harmlos. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2009 zeigt, dass er es nicht ist: Menschen mit niedrigem Selbstwert fühlten sich schlechter, nachdem sie einen positiven Satz über sich wiederholt hatten, als jene, die es nicht taten. Der Satz half genau denen nicht, für die er gedacht war.
Was gemessen wurde
Die Arbeit von Joanne Wood, Elaine Perunovic und John Lee erschien in Psychological Science. Teilnehmende sollten den Satz "Ich bin ein liebenswerter Mensch" wiederholen oder darüber nachdenken, inwiefern er zutrifft.
- Bei hohem Selbstwert verbesserte sich die Stimmung leicht.
- Bei niedrigem Selbstwert verschlechterte sie sich, verglichen mit denen, die den Satz nicht wiederholten.
- Wer stattdessen betrachtete, inwiefern der Satz zutrifft und zugleich nicht zutrifft, kam besser weg als die Gruppe mit dem reinen Bekräftigen.
Die Erklärung der Autoren ist einleuchtend: Ein Satz, der zu weit von der eigenen Überzeugung entfernt liegt, löst Widerspruch aus. Der Kopf beginnt Gegenbeweise zu sammeln, und am Ende steht eine Liste von Belegen für das Gegenteil.
Positive Selbstaussagen können bestimmten Menschen nützen und gerade denen schaden, die sie am nötigsten brauchen.
Was einen tragfähigen Satz ausmacht
Der Unterschied liegt nicht zwischen positiv und negativ, sondern zwischen behaupten und beschreiben. Drei Merkmale von Sätzen, die auch an schlechten Tagen halten:
- Sie sind überprüfbar. "Ich habe schon schwierigere Wochen überstanden" lässt sich belegen. "Ich schaffe alles" nicht.
- Sie sprechen über das Tun, nicht über das Sein. "Ich mache jetzt den nächsten Schritt" ist tragfähiger als "Ich bin stark".
- Sie lassen das Schwere gelten. "Das ist gerade schwer, und ich bleibe trotzdem dran" enthält beides. Sätze, die das Schwere wegreden, verlieren gegen die Erfahrung.
- Schreib den Satz auf, den du dir sagst, wenn es eng wird.
- Frag: Würde ich ihn unterschreiben, wenn jemand ihn mir über meinen schlechtesten Tag sagt?
- Falls nein, streich alles, was du nicht belegen kannst, und lass den Rest stehen.
- Was übrig bleibt, ist meist kürzer, unspektakulärer und deutlich haltbarer.
Was das für Ratschläge an andere heißt
Der Reflex, jemandem im Tief einen aufmunternden Satz zu geben, ist gut gemeint und häufig wirkungslos oder schädlich, aus demselben Grund. Wer gerade an sich zweifelt, hört "Du schaffst das doch" als Aufforderung, das Gegenteil zu belegen.
Sätze, die eher tragen, benennen die Lage, statt sie zu überschreiben: "Das ist gerade viel." "Ich bleibe da." "Sag mir, was du brauchst." Sie versprechen weniger und halten dafür.
Welche Motivationssprüche helfen und welche schaden?
Überprüfbare Sätze über das eigene Tun tragen. Große Behauptungen über das eigene Wesen können schaden: In einer Studie von 2009 verschlechterte sich die Stimmung bei Menschen mit niedrigem Selbstwert, nachdem sie einen positiven Satz über sich wiederholt hatten.
Warum schadet ein guter Satz?
Weil ein Satz, der zu weit von der eigenen Überzeugung entfernt liegt, Widerspruch auslöst. Der Kopf sammelt Gegenbeweise, und am Ende steht eine Liste von Belegen für das Gegenteil.
Was funktionierte in der Studie besser?
Zu betrachten, inwiefern ein Satz zutrifft und zugleich nicht zutrifft. Diese Gruppe kam besser weg als die, die den Satz nur bekräftigte.
Woran erkenne ich einen tragfähigen Satz?
Er ist überprüfbar, er spricht über das Tun statt über das Sein, und er lässt das Schwere gelten, statt es wegzureden.
Was sage ich jemandem, dem es schlecht geht?
Eher etwas, das die Lage benennt, als etwas, das sie überschreibt. "Das ist gerade viel", "Ich bleibe da", "Sag mir, was du brauchst" versprechen weniger und halten dafür.
Sind Affirmationen also sinnlos?
Nicht für jeden. Bei hohem Selbstwert zeigte sich in derselben Studie eine leichte Verbesserung. Der Punkt ist, dass sie nicht bei allen wirken und gerade dort ausfallen können, wo sie gebraucht würden.
Quellen
- Wood, Perunovic und Lee, Positive Self-Statements: Power for Some, Peril for Others, Psychological Science 20 (2009), S. 860 bis 866: die Ergebnisse für hohen und niedrigen Selbstwert und die bessere Wirkung des abwägenden Betrachtens.
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